Sylvia Day
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May 12, 2014  •  Heyne Verlag  •  9783453545670

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Prolog

London, April 1770

»Haben Sie angst, dass ich die Frau verführe, Eldridge? ich gebe zu, dass ich gerne Witwen in meinem Bett habe. Sie sind so viel angenehmer und unkomplizierter als Jungfrauen oder verheiratete.«

Scharfe graue augen sahen von dem Stapel Unterlagen auf dem riesigen Mahagonischreibtisch auf. »Dass Sie sie verführen, Westfield?« Die tiefe Stimme verriet Überdruss. »Nehmen Sie die Sache ernst, Mann. Dieser auftrag ist sehr wichtig.«

Marcus ashford, der siebte Earl of Westfield, verzichtete auf das spöttische lächeln, das seine nüchtern kalkulierenden Gedanken verbarg, und atmete geräuschvoll aus. »Und Sie sollten wissen, dass er mir genauso wichtig ist.«

lord Nicholas Eldridge lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, stützte die Ellbogen auf die armlehnen und legte die langen, dünnen Finger zusammen. Er war ein großer, sehniger Mann mit einem wettergegerbten Gesicht, das schon zu viele Stunden an Deck eines Schiffs erlebt hatte. alles an ihm, von seiner Sprechweise bis zu seiner Haltung, war genau durchdacht und kontrolliert. vor dem Hintergrund einer betriebsamen londoner Durchfahrtsstraße, die durch das Fenster hinter ihm zu sehen war, bot er einen einschüchternden anblick. Eine Wirkung, die beabsichtigt und höchst effektiv war.

»Tatsächlich war mir dies bis jetzt nicht bewusst. ich wollte ihre Fähigkeiten als Kryptograf nutzen und hätte nie in Betracht gezogen, dass Sie den Fall freiwillig übernehmen würden.«

Marcus erwiderte den durchdringenden Blick mit grimmiger Entschlossenheit. Eldridge war der leiter eines Elite-agentenrings, der einzig und allein die aufgabe hatte, berüchtigte Piraten und Schmuggler zu finden und zu fassen, und da er unter dem Schutz der Königlichen Marine arbeitete, hatte er große Macht. Wenn Eldridge ihm den auftrag verweigerte, konnte Marcus kaum etwas dagegen machen.

Aber er würde nicht zurückgewiesen werden. Diesmal nicht.

Er biss die Zähne zusammen. »ich werde nicht zulassen, dass ein anderer den auftrag bekommt. Wenn lady Hawthorne in Gefahr ist, wird kein anderer für ihre Sicherheit sorgen.«

Eldridge bedachte ihn mit einem unangenehm scharfen Blick. »Woher rührt ihr leidenschaftliches interesse? Nach dem, was zwischen ihnen vorgefallen ist, wundert es mich, dass Sie überhaupt noch Kontakt zu ihr wollen. ich begreife ihr Motiv nicht.«

»Ich habe kein besonderes Motiv.« Zumindest keines, das er verraten würde. »Trotz unserer vergangenheit will ich nicht, dass ihr geschadet wird.«

»Sie hat Sie in einen Skandal verwickelt, der Monate für aufruhr sorgte und über den man bis heute noch spricht. Sie haben zwar gute Miene zum bösen Spiel gemacht, mein Freund, aber auch Narben davongetragen. vielleicht sogar Wunden, die noch nicht verheilt sind?«

Marcus saß vollkommen reglos und ohne eine Miene zu verziehen da und kämpfte gegen seinen tiefen Groll an. Sein Schmerz ging nur ihn etwas an. Es widerstrebte ihm zutiefst, auch nur danach gefragt zu werden. »Glauben Sie, ich könnte Privates nicht von Beruflichem trennen?«

Eldridge schüttelte den Kopf und seufzte. »Nun gut. Das lasse ich mal so stehen.«

»Und Sie geben mir den auftrag?«

»Sie sind mein bester Mann. ich habe nur wegen ihrer vergangenheit gezögert, aber wenn Sie keine Bedenken haben, habe ich auch keine. allerdings werde ich zustimmen, wenn sie einen anderen agenten anfordert.«

Marcus nickte und bemühte sich, seine Erleichterung zu unterdrücken. Elizabeth würde niemals um einen anderen agenten bitten; dazu war sie zu stolz.

Eldridge tippte seine Finger gegeneinander. »Das Tagebuch, das lady Hawthorne zuging, war an ihren verstorbenen Gatten adressiert und ist codiert. Wenn es etwas mit seinem Tod zu tun hat ...« Er zögerte. »viscount Hawthorne ermittelte gegen Christopher St. John, als er starb.«

Marcus erstarrte, als er den Namen des berüchtigten Piraten hörte. Es gab keinen verbrecher, den er lieber fassen wollte als St. John, und zwar aus persönlichen Gründen. St. Johns angriffe gegen ashford Shipping, die Reederei seiner Familie, waren der Grund, warum er sich dem agentenring zur verfügung gestellt hatte. »Wenn lord Hawthorne wirklich über seine aufträge Buch geführt hat und St. John an diese informationen gerät – dann ist die Hölle los!« Bei dem Gedanken, der Pirat könnte Elizabeth zu nahe kommen, verkrampfte sich sein Magen.

»Genau«, nickte Eldridge. »Nachdem ich vor einer Woche von der Sache erfuhr, ist lady Hawthorne bereits kontaktiert worden. Zu ihrer eigenen und zu unserer Sicherheit sollte das Tagebuch sofort aus ihrer Obhut entfernt werden, doch das ist augenblicklich nicht möglich. Sie wurde von einem Unbekannten angewiesen, es persönlich zu übergeben, daher braucht sie unseren Schutz.«

»Selbstverständlich.«

Eldridge schob eine akte über den Tisch. »Hier stehen alle informationen, die ich bislang zusammentragen konnte. lady Hawthorne wird Sie auf dem Ball der Morelands vom Rest unterrichten.«

Marcus nahm die akte mit den Details seines auftrags, stand auf und ging. Erst im Flur erlaubte er sich ein grimmiges, aber zufriedenes lächeln.

Er hatte nur noch wenige Tage warten wollen, um bei Elizabeth vorzusprechen. Der abschluss ihrer Trauerzeit hieß auch, dass sein unerträglich langes Warten ein Ende hatte. Obwohl die Sache mit dem Tagebuch ziemlich bestürzend war, arbeitete sie zu seinen Gunsten, denn so konnte Elizabeth ihm nicht ausweichen. Nachdem sie ihn vor vier Jahren so unverschämt hatte sitzen lassen, würde sie nicht besonders erfreut sein, ihm wieder Zutritt zu ihrem leben zu gewähren. Doch sie würde auch Eldridge nicht vor den Kopf stoßen, da war er sicher.

Schon bald, sehr bald, würde das, was sie ihm versprochen und dann versagt hatte, endlich ihm gehören.

1. Kapitel

Marcus entdeckte Elizabeth schon, bevor er einen Fuß in den Ballsaal der Morelands setzte. Genauer gesagt steckte er auf der Treppe fest, weil ungeduldige adlige und Würdenträger ihn unbedingt sprechen wollten. Doch als er kurz einen Blick von ihr erhaschte, vergaß er alle, die um seine aufmerksamkeit wetteiferten.

Sie war noch liebreizender als früher, obwohl er das nicht für möglich gehalten hatte. Sie war schon immer wunderschön gewesen. vielleicht war er noch empfänglicher dafür geworden, weil er sie so lange nicht gesehen hatte.

Ein spöttisches lächeln spielte um seine lippen. Offensichtlich erwiderte Elizabeth seine Gefühle nicht. als sich ihre Blicke trafen, zeigte er deutlich seine Freude über ihr Wiedersehen. Sie hingegen hob das Kinn und sah weg.

Eine bewusste abfuhr.

Der Schnitt war direkt und exakt ausgeführt, aber seine Wunde blutete nicht mehr. Da Elizabeth ihm schon vor Jahren die schmerzlichste verletzung zugefügt hatte, war er gegen weiteren Schmerz immun. Er tat ihre Missachtung mühelos ab. Nichts konnte ihr Schicksal ändern, ganz gleich, wie sehr sie es sich wünschte.

Er diente nun schon seit Jahren als agent der Krone und hatte in dieser Zeit ein leben wie aus dem abenteuerroman geführt.

Er hatte unendlich viele Schwertkämpfe überlebt, war zweimal angeschossen worden und so oft unter Kanonenbeschuss gekommen, dass er es nicht mehr zählen konnte. Dabei hatte er drei seiner eigenen Schiffe verloren und ein halbes Dutzend fremder versenkt, bevor sein Titel es erforderlich machte, in England zu bleiben. Und doch erwachten nur dann all seine Sinne, wenn er im selben Raum wie Elizabeth war.

Sein Partner avery James trat um ihn herum, als er sich einfach nicht vom Fleck rühren wollte. »Da ist die viscountess Hawthorne, Mylord«, erklärte er mit einem fast unmerklichen Ruck seines Kinns. »Sie steht rechts von uns, am Rand der Tanzfläche, in einem violetten Seidenkleid. Sie ist—«

»Ich weiß, wer sie ist.«

verblüfft sah avery ihn an. »ich wusste nicht, dass Sie miteinander bekannt sind.«

Marcus’ lippen, die Scharen von Frauen ins Schwärmen brachten, verzogen sich in unverhohlener vorfreude. »lady Hawthorne und ich sind ... alte Freunde.«

»Verstehe«, murmelte avery, doch seine gerunzelte Stirn strafte ihn lügen.

Marcus legte seinem kleineren Partner eine Hand auf die Schulter. »Gehen Sie schon vor, avery, während ich mich um die Menge hier kümmere, aber überlassen Sie lady Hawthorne mir.«

Avery zögerte kurz, dann nickte er widerstrebend und ging weiter in den Ballsaal – freier nun, da die Menge Marcus belagerte.

Marcus unterdrückte seinen Zorn über die aufdringlichen Gäste, die ihm den Weg versperrten, und hörte sich angespannt die vielen Willkommensgrüße und Fragen an. Genau deswegen hasste er solche Empfänge. Gentlemen, die nicht die initiative ergriffen, ihn während der Geschäftszeiten aufzusuchen, hatten keinerlei Bedenken, ihn in einer zwangloseren Umgebung anzusprechen. Er hingegen vermischte niemals Geschäftliches mit Privatem. Daran hatte er sich immer gehalten, bis heute abend.

Elizabeth würde die ausnahme sein. So, wie sie immer die ausnahme gewesen war.

Er drehte sein Monokel in der Hand und beobachtete, wie avery sich mühelos durch die Gästeschar bewegte. Dann sah er zu der Frau hinüber, die er beschützen sollte. Wie ein verdurstender sog er ihren anblick in sich auf.

Elizabeth hatte nie etwas für Perücken übriggehabt und trug im Gegensatz zu den meisten anderen Damen auch an diesem abend keine. Der Effekt der strahlend weißen Federn in ihren dunklen Haaren war atemberaubend und zog alle Blicke auf sich. ihr Haar war rabenschwarz und betonte ihre augen, deren violette Farbe an amethyste erinnerte.

Zwar hatten sich ihre Blicke nur einen Moment lang getroffen, doch immer noch spürte er die magnetische Wirkung, die sie auf ihn ausübte. Er konnte nicht widerstehen, sie weiterhin wie gebannt anzustarren, trotz der Gefahr zu verbrennen.

Sie hatte eine ganz besondere art, einen Mann mit ihren hinreißenden augen anzusehen. Fast hätte Marcus geglaubt, er wäre der einzige Mann im Saal, alle anderen wären verschwunden und niemand mehr befände sich zwischen ihm auf der Treppe und ihr auf der anderen Seite der Tanzfläche.

Er stellte sich vor, wie er die Distanz zwischen ihnen überwand, sie ihn seine arme zog und seinen Mund auf ihren drückte. Er wusste bereits, dass ihre überaus erotisch geformten prallen lippen mit seinen verschmelzen würden. Er wollte mit dem Mund über ihren schmalen Hals und weiter über ihr Schlüsselbein fahren. Er wollte in ihrem üppigen Körper versinken und seinen quälenden Hunger stillen, den Hunger, der so mächtig geworden war, dass er fast den verstand darüber verloren hatte.

Einst wollte er sie lächeln und lachen sehen, den Klang ihrer Stimme hören und ihre Sicht der Dinge erfahren. Jetzt waren seine Bedürfnisse grundlegender. Marcus weigerte sich, mehr zuzulassen. Er wollte sein altes leben zurück, ein leben ohne Schmerz, Wut und schlaflose Nächte. Elizabeth hatte ihm das genommen und musste es ihm verdammt noch mal zurückgeben.

Er spannte die Kieferknochen an. Es war Zeit, die Distanz zwischen ihnen zu überwinden.

Ein einziger Blick von ihr hatte seine Selbstkontrolle erschüttert. Wie würde es sein, wenn er sie wieder in seinen armen hielt?

Elizabeth, die viscountess Hawthorne, konnte sich vor Schock eine ganze Weile nicht rühren, und das Blut schoss ihr in die Wangen.

Nur eine Sekunde hatte sich ihr Blick mit dem des Mannes auf der Treppe getroffen, und doch hatte ihr Herz zu rasen angefangen. Sie war betört von der maskulinen Schönheit seines Gesichts, auf dem sich eindeutig die Freude über ihr Wiedersehen zeigte. Erschreckt und verwirrt über ihre Reaktion nach all den Jahren hatte sie sich gezwungen, ihn zu schneiden, und hochmütig die augen abgewandt.

Marcus, mittlerweile der Earl of Westfield, bot immer noch einen prächtigen anblick. Er war und blieb der bestaussehende Mann, den sie je gesehen hatte. als sich ihre Blicke trafen, spürte sie den Funken zwischen ihnen wie eine greifbare Kraft. Zwischen ihnen hatte immer große anziehung geherrscht. Es verwirrte sie zutiefst, dass sie nicht im Mindesten nachgelassen hatte.

Dabei sollte sie doch abgestoßen sein, nach dem, was er getan hatte.

Als Elizabeth eine Hand auf ihrem Ellbogen spürte, wurde sie in die Gegenwart zurückgerissen. Sie wandte sich um und sah George Stanton neben sich, der sie besorgt musterte. »Fühlen Sie sich nicht wohl? Sie wirken ein wenig erhitzt.«

Sie nestelte an der Spitze ihres Ärmels, um ihr Unbehagen zu überspielen. »Es ist warm hier.« Sie ließ ihren Fächer aufschnappen und fächelte sich heftig kühle luft zu.

»Ich glaube, etwas zu trinken würde helfen«, sagte George, und sie belohnte seine aufmerksamkeit mit einem lächeln.

Als George gegangen war, richtete Elizabeth ihre aufmerksamkeit auf die Gruppe Gentlemen um sie herum. »Worüber sprachen wir gerade?«, fragte sie in die Runde. Ehrlich gesagt hatte sie fast die ganze letzte Stunde nicht auf die Unterhaltung geachtet.

Thomas Fowler antwortete. »Wir sprachen über den Earl of Westfield.« Er deutete diskret zu Marcus. »Erstaunlich, dass er hier ist. Der Earl ist bekannt für seine abneigung gegen gesellschaftliche Ereignisse.«

»In der Tat.« Sie gab sich gleichgültig, während ihre Handflächen in ihren Handschuhen feucht wurden. »ich hatte gehofft, die Neigung des Earls würde auch heute abend Wirkung zeigen, doch offenbar hatte ich kein Glück.«

Thomas verlagerte unbehaglich sein Gewicht. »verzeihung, lady Hawthorne. ich habe ihre verbindung mit lord Westfield vergessen.«

Sie lachte leise. »aber nicht doch. Ehrlich gesagt bin ich ihnen sogar aufrichtig dankbar, denn Sie sind sicher der Einzige in ganz london, der den anstand hatte, dies zu vergessen. achten Sie gar nicht auf ihn, Mr. Fowler. Der Earl war für mich damals kaum von Bedeutung und ist es jetzt noch weniger.«

Als George mit dem Getränk zurückkehrte, lächelte sie, worauf er strahlte.

Während die Unterhaltung um sie herum ihren Fortgang nahm, veränderte Elizabeth langsam ihre Position, um besser verstohlene Blicke auf Marcus werfen zu können, der sich die übervölkerte Treppe hinabmühte. Offenbar hatte sein skandalöser Ruf weder seine Macht noch seinen Einfluss geschmälert. Selbst in einer Menge war seine Wirkung bezwingend. Mehrere angesehene Gentlemen eilten ihm entgegen, anstatt abzuwarten, bis er zur Tanzfläche hinuntergekommen war. Frauen in einer leuchtend bunten auswahl spitzenbesetzter abendkleider glitten kaum merklich Richtung Treppe. Der Strom der Bewunderer, der auf ihn zutrieb, störte das Gleichgewicht des gesamten Saals. allerdings musste man Marcus zugutehalten, dass er auf die Katzbuckelei um ihn herum höchst gleichgültig reagierte.

Während er sich seinen Weg zum Ballsaal bahnte, bewegte er sich mit der lässigen arroganz eines Mannes, der immer genau das bekommt, was er haben will. Die Menge um ihn herum versuchte, ihn aufzuhalten, doch Marcus drängte sich mühelos hindurch. Einigen hörte er aufmerksam zu, anderen nur beiläufig, und einige wenige wies er mit erhobener Hand zurück. allein mit der Kraft seiner Persönlichkeit beeinflusste er seine Umgebung, und alle schienen damit zufrieden zu sein.

Als er ihre aufmerksamkeit spürte, trafen sich erneut ihre Blicke. Die Winkel seines großzügig geschnittenen Mundes hoben sich, als sie sich ansahen. Das Funkeln in seinen augen und die Wärme seines lächelns versprachen mehr, als er je hätte halten können.

Anders als vier Jahre zuvor schien Marcus nur augen für sie zu haben, und eine rastlose Energie lag in seinen Bewegungen. Das waren Warnzeichen, die Elizabeth zu beachten beabsichtigte.

George blickte leichthin über ihren Kopf hinweg, um die Szene zu betrachten. »Wie ich schon sagte. Offenbar kommt lord Westfield hierher.«

»Sind Sie wirklich sicher, Mr. Stanton?«

»Ja, Mylady. Jetzt, während wir sprechen, starrt Westfield mich unverhohlen an.«

Elizabeth spürte, wie sich anspannung in ihrer Magengrube bemerkbar machte. Bei ihrem ersten Blickwechsel war Marcus wie erstarrt stehen geblieben, und der zweite war noch verstörender gewesen. Er kam zu ihr, und sie hatte keine Zeit, sich vorzubereiten. George sah sie an, als sie sich heftig luft zufächelte.

Verdammt, dass er ausgerechnet heute abend kommen musste! ihr erstes gesellschaftliches Ereignis nach drei Jahren Trauer, und er tauchte unfehlbar direkt nach ihrem Wiedererscheinen auf, so als hätte er die letzten Jahre ungeduldig genau auf diesen Moment gewartet. Sie war sich nur allzu bewusst, dass sie damit völlig falschlag. Denn während sie um ihren verstorbenen Mann trauerte, hatte Marcus weiterhin seinen Ruf als Frauenheld gefestigt.

Nachdem er ihr so brutal das Herz gebrochen hatte, hätte Elizabeth ihm überall die kalte Schulter gezeigt, doch vor allem hier. Sie wollte nicht das Fest genießen, sondern einen Mann treffen, auf den sie gewartet hatte. Einen Mann, mit dem sie sich heimlich verabredet hatte. Heute abend würde sie sich der Erinnerung an ihren Ehemann widmen. Sie würde Gerechtigkeit für Hawthorne finden.

Die Menge teilte sich widerstrebend vor Marcus und strömte hinter ihm sofort wieder zusammen. Diese Bewegung kündigte sein Kommen an. Und dann war Westfield da, stand direkt vor ihr. als er lächelte, fing ihr Herz wieder an zu rasen. Die versuchung lockte, zurückzuweichen, einfach zu fliehen, aber die Gelegenheit dazu war viel zu schnell vorbei.

Elizabeth straffte die Schultern und holte tief luft. Da das Glas in ihrer Hand zu zittern begann, schluckte sie rasch den restlichen inhalt, bevor er ihr noch das Kleid ruinierte. Dann gab sie das leere Glas George, ohne ihn anzusehen. Marcus nahm ihre Hand, ehe sie sie zurückziehen konnte.

Er verbeugte sich tief und lächelte charmant, ohne den Blick von ihr zu lösen. »lady Hawthorne, Sie sind wie immer betörend.« Seine Stimme war warm und weich. »Wäre es vermessen zu hoffen, dass Sie noch einen freien Tanz haben, den Sie an mich vergeben wollten?«

Elizabeth dachte hektisch nach, um eine ausflucht zu suchen. Seine gefährliche männliche Energie, die schon aus der Distanz mächtig wirkte, war aus der Nähe einfach überwältigend.

»Ich bin nicht hier, um zu tanzen, lord Westfield. Fragen Sie die Gentlemen hier im Umkreis.«

»Mit denen will ich nicht tanzen«, entgegnete er trocken, »also interessieren mich ihre Gedanken zu dem Thema nicht.«

Sie wollte schon protestieren, als sie seinen spöttischen Blick bemerkte. Sichtlich belustigt lächelte er sie an und forderte sie eindeutig heraus. Sie zögerte. auf gar keinen Fall wollte sie ihm die Genugtuung geben, dass sie angst hatte, mit ihm zu tanzen. »Wenn Sie darauf bestehen, lord Westfield, dann können Sie den nächsten Tanz haben.«

Mit zustimmender Miene verneigte er sich tief vor ihr. Dann bot er ihr seinen arm und führte sie auf die Tanzfläche. Als die Musiker zu spielen begannen, erfüllten die heiteren Klänge eines wunderschönen Menuetts den ganzen Saal.

Marcus drehte sich zu ihr und streckte seinen arm nach ihr aus. Sie legte ihre Hand auf seine und war nur dankbar, dass sie beide Handschuhe trugen. im goldenen licht der vielen Kerzen fiel ihr das Muskelspiel seiner Schultern besonders auf. Unter gesenkten Wimpern musterte sie ihn auf etwaige veränderungen.

Marcus war schon immer ein ausgesprochen körperbetonter Mann gewesen, der sich vielen Sportarten und körperlichen aktivitäten hingab. Es war kaum vorstellbar, doch er schien noch stärker und imposanter geworden zu sein. Er wirkte wie die personifizierte Kraft, und Elizabeth wunderte sich, wie sie je so naiv hatte sein können zu glauben, sie könnte ihn zähmen. Zum Glück war sie inzwischen klüger.

Das einzig Weiche an ihm war sein herrlich dichtes sandfarbenes Haar. Es schimmerte wie Zobelfell und war im Nacken mit einer schlichten schwarzen Schleife zusammengebunden. Selbst der Blick aus seinen smaragdgrünen augen war durchdringend und zeugte von seiner intelligenz. Er hatte einen scharfen verstand, für den Betrug nur ein Spiel war, wie sie aus eigener Erfahrung wusste. ihr Herz und ihr Stolz hatten dabei starken Schaden genommen.

Sie erwartete schon beinahe, anzeichen seines ausschweifenden lebens zu sehen, doch sein markantes Gesicht ließ derlei nicht erkennen. im Gegenteil: Seine Haut war sonnengebräunt, so als verbringe er viel Zeit im Freien. Seine Nase ragte gerade und kühn über seine vollen, sinnlichen lippen, die sich jetzt zu einem halben lächeln verzogen, das gleichzeitig jungenhaft und verführerisch wirkte. Er war einfach atemberaubend, von Kopf bis Fuß. Und er merkte genau, wie sie ihn musterte und widerstrebend bewunderte. Daher senkte sie den Blick und starrte entschieden auf sein Jabot.

Sein Geruch betäubte ihre Sinne. Er roch wunderbar männlich nach Sandelholz, Zitrone und etwas Drittem, das unverkennbar nur ihm anhaftete. Das Blut, das ihr in die Wangen geschossen war, strömte nun in ihr inneres, das sich erwartungsvoll zusammenzog.

Marcus neigte den Kopf, als könnte er ihre Gedanken lesen. Mit leiser, heiserer Stimme sagte er: »Elizabeth, ich freue mich sehr, dich nach so langer Zeit wiederzusehen.«

»Die Freude, lord Westfield, ist ganz einseitig.«
»Früher hast du mich Marcus genannt.«
»Das wäre nicht mehr angemessen, Mylord.«
Er verzog den Mund zu einem reuigen lächeln. »ich gebe dir

Die Erlaubnis, dich jederzeit mir gegenüber unangemessen zu benehmen. Genau gesagt hat mir dein unangemessenes Benehmen immer sehr gefallen.«

»Du hattest eine vielzahl williger Frauen, die dir genauso gefallen haben.«

»Aber nein, meine liebe. Du warst immer etwas ganz Besonderes und Herausragendes.«

Elizabeth war schon vielen lebemännern und Schürzenjägern begegnet, doch deren Glattzüngigkeit und aufdringlichkeit hatten sie immer kaltgelassen. aber Marcus war so gewieft darin, Frauen zu verführen, dass er immer vollkommen aufrichtig wirkte. Einst hatte sie jede seiner liebesbezeugungen geglaubt, die er von sich gegeben hatte. Selbst jetzt wirkte er fast überzeugend, als er sie mit scheinbar großer Sehnsucht in den augen ansah.

Am liebsten hätte sie vergessen, was er war: ein herzloser verführer. Doch ihr Körper wollte das nicht zulassen. Sie fühlte sich fiebrig, und leichter Schwindel überkam sie.

»Drei Jahre Trauerzeit«, sagte er mit leichter verbitterung. »ich sehe mit Erleichterung, dass die Trauer deiner Schönheit nichts anhaben konnte. im Gegenteil: Du erscheinst mir noch schöner als bei unserer letzten Begegnung. Du erinnerst dich doch noch daran, oder nicht?«

»Vage«, log sie. »ich hab schon jahrelang nicht mehr daran gedacht.«

Weil sie wissen wollte, ob er ihr die lüge abnahm, sah sie ihn an, während sie die Partner wechselten. Marcus strahlte wie üblich die ihm eigene sexuelle anziehungskraft aus. Wie er sich bewegte, wie er sprach und roch – all das zeugte von seiner mächtigen Energie und seinem großen appetit. Sie spürte seine kaum gebändigte Kraft unter der glatten Fassade und erinnerte sich daran, wie gefährlich er war.

Seine Stimme umschmeichelte sie, als die Schrittfolge des Menuetts sie wieder zu ihm zurückführte. »Es kränkt mich, dass du dich nicht mehr freust, mich zu sehen, vor allem, weil ich diesen elenden Empfang nur erdulde, um mit dir zusammen zu sein.«

»Lächerlich«, gab sie zurück. »Du hattest keine ahnung, dass ich heute abend hier sein würde. Was immer dein Ziel war, gib es bitte auf und lass mich in Frieden.«

Seine Stimme war gefährlich sanft. »Mein Ziel bist du, Elizabeth.«

Einen Moment lang starrte sie ihn an, während ihr Magen unangenehm zu brennen anfing. »Wenn mein Bruder uns zusammen sieht, wird er fuchsteufelswild sein.«

Sie zuckte zusammen, als sie sah, wie sich seine Nasenflügel blähten. Früher waren William und er die besten Freunde gewesen, aber die auflösung ihrer verlobung hatte auch das Ende ihrer Freundschaft bedeutet. von allen Dingen bedauerte sie das am meisten.

»Was willst du?«, fragte sie, als er nichts mehr sagte.
»Dass du dein versprechen erfüllst.«
»Welches versprechen?«
»Deine Haut an meiner, mit nichts dazwischen.«
»Du bist ja wahnsinnig«, sagte sie schwer atmend und erschauerte. Dann verengte sie ihre augen zu Schlitzen. »lass deine Spielchen mit mir. Denk an die vielen Frauen, die du seit unserer Trennung im Bett hattest. ich habe dir einen großen Gefallen getan, als ich dich freigab –«

Sie keuchte auf, als er seine Hand unter ihrer herumdrehte und ihre Finger fest drückte.

Mit finsterem Blick stieß er hervor: »Du hast mir alles andere als einen großen Gefallen getan, als du dein Wort gebrochen hast.«

Schockiert wegen seiner heftigen Reaktion gab sie zurück: »Du wusstest genau, wie wichtig mir Treue war, wie sehr ich sie mir wünschte. Du hättest nie der Ehemann sein können, den ich wollte.«

»ich war genau das, was du wolltest, Elizabeth. Du wolltest mich so sehr, dass du davor zurückgeschreckt bist.«

»Das ist nicht wahr! ich habe keine angst vor dir!«

»Wenn dir noch ein Funken verstand geblieben wäre, hättest du angst«, murmelte er.

Sie hätte protestiert, doch jetzt riss sie der Tanz wieder auseinander. Er bedachte die Frau, die um ihn herumtrippelte, mit einem strahlenden lächeln, worauf Elizabeth die Zähne zusammenbiss. Den Rest des Menuetts sprach er kein Wort mehr mit ihr, bezirzte aber jede andere, mit der er in Kontakt kam.

Elizabeths Hand brannte von seiner Berührung, und ihre Haut glühte unter der Hitze seines Blicks. Er hatte nie versucht, seine ausgeprägt sexuelle Natur zu verleugnen, im Gegenteil: Er hatte sie ermutigt, ihre zu entfesseln. Er hatte ihr das Beste aus beiden Welten angeboten – die Ehrwürdigkeit ihres Standes und die leidenschaft eines Mannes, der ihr Blut in Wallung versetzen konnte –, und sie hatte geglaubt, er könnte sie glücklich machen.

Wie naiv sie gewesen war! Sie hätte es doch besser wissen müssen, bei ihrer Familie!

Kaum war der Tanz vorbei, floh Elizabeth eilends. als sie eine halb erhobene Hand entdeckte, lächelte sie, denn sie erkannte avery James. Sie konzentrierte sich, da sie wusste, dies war der Mann, auf den sie gewartet hatte. avery würde nur auf lord Eldridges Geheiß einen solchen Empfang besuchen.

Eldridge hatte ihr versichert, als Witwe eines verdienten agenten müsse sie nur fragen, falls sie jemals etwas brauche. avery war ihr als Kontaktmann zugeteilt worden. Trotz seines zynischen und gelangweilten auftretens war er ein freundlicher und rücksichtsvoller Mensch, der ihr in den ersten Monaten nach Hawthornes Tod unendlich geholfen hatte. Sein anblick erinnerte sie daran, weshalb sie hier war.

Sie wollte noch schneller gehen, als Marcus hinter ihr ihren Namen rief.

»Der von ihnen erbetene Tanz ist vorüber, Westfield«, bemerkte sie, über ihre Schulter hinweg. »Sie können sich nun im Glanz ihres hart erarbeiteten Ruhmes sonnen und die aufmerksamkeit ihrer Bewunderer genießen.«

Sie hoffte, er begriff, dass sie ihn nicht wiederzusehen beabsichtigte, was es auch kostete.

Marcus sah zu, wie Elizabeth anmutig auf avery zuging. Da sie ihm den Rücken zuwandte, musste er sein Grinsen nicht länger unterdrücken. Sie hatte ihm eine abfuhr erteilt. Wieder einmal.

Doch leider würde seine süße Elizabeth bald begreifen, dass man ihn nicht so leicht loswurde.

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